Kaum eine Branche bleibt heute von der Digitalisierung unberührt, neue Geschäftsmodelle bedrohen etablierte Unternehmen, Arbeitsplätze verschwinden oder neue Berufsbilder entstehen. Märkte, Mitbewerber oder die Innovationen sind kaum mehr überschaubar geworden, damit Pläne unsicher geworden.  Der Erfolg von heute kann der Misserfolg von morgen sein. Überall auf der Welt können Start Ups mit völlig neuen Technologien entstehen, die Bedrohung wird weniger greifbar und diffuser.

Märkte waren früher statischer, daher konnte man die Zukunft durch die Analyse der Vergangenheit planen, analog weiterentwickeln und verlässliche Prognosen erstellen.

Das dazugehörige Muster war das Abgleichen von neuen Entwicklungen mit bestehenden Strukturen. Diese Vorgehensweise ist aber nicht brauchbar, wenn es im digitale Disruptionen geht, denn Inhalte in der Vergangenheit existierten noch nicht.

Genau aus diesem Grund funktioniert diese Vorgehensweise im digitalen Wandel nicht mehr und wird ersetzt durch das „Presencing“, wo Lernen auf einer anderen Ebene stattfindet.

Art of Presencing

Presencing ist eine Wortschöpfung aus den englischen Worten sensing (fühlen, erspüren) und presence (anwesend sein, auftreten), es bedeutet das höchste Zukunftspotential zu erspüren, sich hinziehen zu lassen und dann von diesem Ort aus zu handeln. „Anwesend werden“ im Sinne unserer höchsten zukünftigen Möglichkeiten, wo Co-Creation, sozialer Kontakt und Empathie im Vordergrund stehen.

Presencing ist die Fähigkeit, unsere Wahrnehmung aus dem Gefängnis der Vergangenheit zu befreien und sie aus der Zukunft heraus operieren zu lassen.“
(Claus Otto Scharmer)

Im Presencing nehmen wir mit einem wachen Blick wahr, was sich in der Welt zeigt, hinein zu spüren und sich damit zu verbinden, wer wir sein wollen und was unsere tiefere Intention ist. Es geht darum, die Sinndimension mit einzubeziehen.

Der Schlüssel dazu liegt in der Art unserer Aufmerksamkeit, die wesentlich die Entwicklung des Systems, in dem wir uns bewegen, beeinflusst. Über unsere Aufmerksamkeit steuern wir, ob wir nur automatenhaft reagieren und funktionieren oder wir ein System aktiv beeinflussen.

“Die Qualität der Aufmerksamkeit, die

wir in eine Situation einbringen, bedingt

die Art, wie Wirklichkeit entsteht
(Otto Scharmer)

Das geschieht vor allem in zwischenmenschlichen Beziehungen, dort in der Kommunikation und der Art des Zuhörens. In vielen Settings sagen wir oft einfach das was gehört werden will (downloading) oder befinden uns in einer Debatte (faktisches Zuhören) bzw. Dialog (empathisches Zuhören). Im Presencing schließlich kommen wir in einen schöpferischen Fluss, es entsteht eine Art kollektive Kreativität, wo wir uns im Gespräch verändern.


Wie entsteht Presencing?

Führungskräfte und Organisationen konzentrieren sich oft auf das WAS (Produkte, Dienstleistungen) oder das WIE (Strategien, Ressourcen) vergessen oft das WOHER. WOHER klärt die innere Haltung, den inneren Ort oder innere Quelle, von der wir aus agieren.  Wenn es dazu keinen Zugang gibt, entsteht in uns ein sogenannter „blinder Fleck“, wir wissen nicht warum wir wie agieren, uns verhalten, reagieren oder kommunizieren.


Wie erkenne ich den „blinden Fleck“?

In unserer Hektomatikwelt werden wir permanent abgelenkt und sind dauernd im analysieren oder bewerten des Vergangenen oder im planen der Zukunft. Wie Endlosschleifen rattern diese internen Dialoge im Kopf herum, wir nehmen oft weder Mitarbeiter, Kollegen oder Kunden wahr. Durch die gewohnheitsmäßigen, automatischen und unreflektierten Reaktionen auf unsere Umwelt werden wir oft „absence“, abwesend als Gegenteil von anwesend.


Wie finde ich Zugang zum Presencing?

Analysen, Bewertungen und Plänen sind Aktivitäten des Kopfes, wo das Gehörte mit den Erfahrungen verglichen und eingeordnet wird. Daher ist das Loslassen der eigenen Erfahrung und Muster Voraussetzung, um sich mit einem vorbehaltslosen Denken einer Situation zu öffnen. Dabei muss die eigene Stimme des Urteilens zumindest mal kurzzeitig ruhen, um Raum für Staunen und neue Fragen zu schaffen. Neben der Öffnung des Denkens und des Willens ist aber auch die Öffnung des Fühlens notwendig.

Wahrnehmung und Aufmerksamkeit findet nicht nur durch den kognitiven Verstand statt, sondern durch unsere Sinne, durch körperliche Reaktionen oder intuitive Impulse. Sie beziehen die Ganzheit mit ein und sind notwendige Voraussetzung, um Wahrnehmung und Aufmerksamkeit zu steigern.

Regelmäßige Zuwendung in das Spüren und Fühlen, achtsames Zuhören, Aufsuchen von neuen Orten in Form von Lernreisen, damit Neugier und Staunen wecken, sind Möglichkeiten Zugang zu den inneren Quellen und Orten zu finden. Übungen, die eigenen Aufmerksamkeit nach innen zu richten, helfen wieder ins Hier und Jetzt zu kommen.


Abschließend eine kurze Anleitung für eine dieser Übungen:

Vorbereitung:

Suchen Sie sich einen ruhigen Ort, wo sich nicht gestört sind, kein Smartphone eingeschaltet ist. Das kann zu Hause, im Büro oder in der Natur sein, es ist eine Zeit und ein Ort, die nur Ihnen gehört. Sie sollten sich dafür mindestens 10 – 20 Minuten Zeit nehmen.  

Setzen Sie sich hin oder stehen Sie, richten Sie Ihre Wirbelsäule aufrecht,  damit die Energie vom Becken in den Körper zirkulieren kann.

·      Die Schultern sind entspannt und geöffnet.

·      Mit den Füßen baue ich eine gute Verbindung zur Erde auf

·      Die Augen sind geschlossen oder halb offen.

·      Die Zunge liegt auf dem Gaumen, damit der Energiekreislauf geschlossen wird

·      Die Lippen sind leicht offen und die Zähne berühren sich nicht.

In dieser Haltung beginnen Sie nun einfach tief einzuatmen und fühlen, wie  sich der Körper mit Luft füllt. Beim Ausatmen merken Sie, wie sich das Brustbein senkt und der ganze Körper leer wird.

Während sie es nun in den ersten Minuten tun, folgt der Geist immer dem Atem. Der Geist schließt sich dem Atem an und reitet wie ein Surfer auf der Welle und verbindet sich mit dem einfließenden und ausfließenden Atem.

Mein Geist beruhigt sich und kann loslassen, was ich festhalte.

Meine ganze Aufmerksamkeit ist auf den Atem gerichtet und nehme einfach wahr, was passiert. Vielleicht kann ich sogar diese Momente genießen anfangen.

Nach ein paar Minuten oder solange wie sich Zeit nehmen, beginnen Sie ein wenig den Körper zu schütteln und wieder in das Hier und Jetzt zu kommen.

Diese Übungen können Sie eigentlich in kürzerer Version überall machen, wenn Sie irgendwo warten müssen oder unterwegs sind. Der Atem ist immer da und wartet auf Ihre Aufmerksamkeit

Es wird Ihnen helfen mehr in das Hier und Jetzt zu kommen, den Blick nach innen zu richten und zu spüren, was gerade passiert. Es beruhigt den Geist und der Affenzirkus im Kopf kann sich beruhigen. 

 
LiteraturtipPs:


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Autor: Mag. Werner Sattlegger, Founder and Director Art of Life, Buchautor