Viele Menschen und Führungskräfte in Organisationen und Unternehmen sind heute emotionalen und strukturellen Herausforderungen ausgesetzt, die im digitalen Wandel weiter zunehmen werden. Märkte sind dynamischer, Kundenwünsche vielfältiger, damit langfristige Pläne oft unbrauchbar und klassische Hierarchien obsolet geworden.

Um sich nicht nur den stets wechselnden Herausforderungen anpassen zu können, aber vor allem um auch in Krisenzeiten Stabilität und Orientierung zu geben, sind heute in Führungspositionen von Organisationen reife Persönlichkeiten dringend gefragt.

Wie sieht es dazu in Organisationen aus?

Seit vielen Jahren wird jedes Jahr die Motivation und das Engagement der Mitarbeiter in Organisationen vom Gallup Institut untersucht. 15 Prozent hätten der neuen Untersuchung zufolge nicht nur keine emotionale Bindung mehr an das Unternehmen, sondern arbeiten aus Frustration gegen das Unternehmen. Bei 71 Prozent zeige sich eine geringe emotionale Bindung, die sich in einer innerlichen Kündigung äußert. Nur bei 15 Prozent gab es eine hohe emotionale Bindung. Frustrationsquelle ist die schlechte Beziehung zum direkten Vorgesetzten und die unreife Persönlichkeit der Führungskraft. Emotionale und soziale Flurschäden, ausgelöst oft durch ausgeprägte narzisstische Verhaltensweisen von Führungskräften, belasten den Organisationsalltag

Narzissmus im Führungsalltag

Der Begriff Narzissmus findet seine Bedeutung in der griechischen Mythologie und bedeutet „die Konzentration des seelisches Interesses auf das eigene Selbst“. Diese Eigenschaft nimmt dann seine destruktive Seite an, wenn die Konzentration auf das eigene Selbst sich in Beziehungen so dominiert, dass diese manipuliert werden. Und zwar in der Form, dass andere Menschen funktionalisiert werden, um das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren.

Rosental/Pittinsky charakterisieren die verhaltensrelevanten Merkmale einer narzisstischen Persönlichkeit:

·     Übersteigertes Bedürfnis nach Anerkennung und Überlegenheit, das ständig und immer aufs Neue zu befriedigen gesucht wird.

·     Minderwertigkeitsgefühle, welche die innere Gefühlslage des Narzissten dauerhaft beherrscht.

·     Arroganz und Selbstgefälligkeit, sowie herablassende Verhaltensweisen.

·     Überempfindlichkeit, welche insbesondere in Situationen, in denen die eigene Überlegenheit von anderen in Frage gestellt wird.

Diese extremen Formen manifestieren sich im Alltag beim Narzissten vor allem durch ein ständiges Wechselbad der Gefühle, dass einerseits zwischen Grandiosität und Minderwertigkeitsgefühle schwankt. Der Narzisst scheint für sich dann erfolgreich zu sein, wenn er sich selbst erhöht und gleichzeitig andere herabsetzt, was für Mitarbeiter auf Dauer gravierende Auswirkungen haben kann. 

Falsches versus wahres Selbst

Das Selbst ist die Empfindung, ein einheitliches, konsistent fühlendes, denkendes und handelndes Wesen zu sein. Somit ist das Selbst das anordnende Zentrum eines ganzheitlichen Weges, indem wir die werden, als die wir bereits angelegt sind. 

Gerade in Extremsituationen, wo die Persönlichkeit von Führungssituationen gefragt sind, kommen oft die unterschiedlichen Formen des Selbst zum Tragen.

Nach dem Psychoanalytiker Winnicott (1960) ist das „falsche Selbst“ die Seite des Menschen, die wir nach außen darstellen, dabei oft auf unsere Wünsche und Gefühle verzichten, um nur das zu fühlen und zu wünschen, was unsere Umgebung ertragen kann und von uns erwartet. Dadurch erreichen wir oft unsere Stellung in der Gesellschaft, in verschiedenen sozialen Rollen sind wir damit erfolgreich. Dabei verbergen wir hinter der äußeren Hülle oft unser wahres Selbst, wo oft Angst, Trauer, Schmerz und Einsamkeit zu finden sind. Gefühle, auf die wir in unserer Kindheit oft verzichtet haben, um lebensnotwendige Verbindungen zu unseren Bezugspersonen nicht zu verlieren. 

Integration - Entwicklung einer reifen Persönlichkeit  

Vor allem der Psychoanalytiker C.G. Jung hat uns mit dem Individuationsprozess konkrete Möglichkeiten erschlossen, wie wir als Menschen reifen können und verschiedene unerlöste Teile in uns integrieren können. Gerade für Führungskräfte sind Kenntnis und Erfahrung damit in der Beziehung zu den Mitarbeitern entscheidend. Die wichtigsten Elemente dieses Prozesses sind: 

  • Persona:

Die Persona ist durch unsere unbewussten Erwartungen, Wünsche, Illusionen und Vorstellungen an das Leben gekennzeichnet. Die Persona bildet sich aus allen Erwartungen, welche Eltern und das Kollektiv an einen Menschen stellen. Diese Erwartungen können mich von meiner inneren Bestimmung trennen. 

  • Integration des eigenen Schattens:

Der Schatten ist eine Seite an uns, die wir ablehnen und die uns in der Regel peinlich ist. Unsere Schattenseiten anzunehmen und mit ihnen gestaltend zu arbeiten, bedeutet durch den Schatten hindurchzureifen.

  • Integration von Anima und Animus

Als wichtige Aufgabe des Individuationsprozesses sieht C. G. Jung an, dass sich der Mann seiner Anima (das Weibliche im Mann) und die Frau ihres Animus (das Männliche in der Frau) bewusst werden. Falls es zu keiner Bewusstheit kommt, werden diese Bilder auf den/die Partner/in projiziert.

  • Das Selbst

“Das Selbst ist der “spiritus rector” des Individuationsprozesses. Somit ist das Selbst das anordnende Zentrum eines ganzheitlichen Weges, auf dem wir die werden, als die wir im Samenkorn bereits angelegt sind.

Kreativität und Körperarbeit als Weg der Persönlichkeitsentwicklung 

Die intellektuelle Verarbeitung bei Individuationsthemen findet oft seine Grenzen. Intuitive, kreative und/oder körperorientierte Ausdrucksmethoden kommen dem Kern dieser unbewussten Mechanismen oft sehr viel näher. Bilder und Gestaltungen sind von unserem Geist oft weniger zensuriert, direkter und treffen oft unbewusst besser den Kern der Sache. Es kann nichts erzwungen werden, es kann nur angeregt und mit dem, was gerade „dran“ ist, gearbeitet werden. Es wird mit konkreten Erfahrungen gearbeitet, wie z.B. dem Inner Game Coaching von W. T. Gallwey.

In der Leadership Mastery der Art of Life bieten wir dazu den geeigneten Rahmen und freuen uns, Führungskräfte begleiten zu dürfen.  

Autor: Mag. Werner Sattlegger, Founder and Director der Art of Life. 

Literatur

Neidhöfer/Sattlegger; „Wenn die Sehnsucht über die Angst hinauswächst“

W. T. Gallwey, “Inner Game Coaching”

Ute Karin Höllrigl, „Goldene Spur, Der Prozess einer Individuation in Träumen und Bildern. Ingeborg Bachmann und C.G. Jung. Ein Essay.“, Erato, Graz, 2013

Verena Kast, „Die Dynamik der Symbole. Grundlagen der Jungschen Psychotherapie“, Patmos, Düsseldorf, 1990

Donald Winnocott: „Reifungsprozesse“