Arbeit, die scheinbar mühelos und leicht gelingt, fast ohne Anstrengungen? Arbeit, wo man Zeit, Sorgen und sich selbst vergisst, der Kopf leer und gleichzeitig leistungsfähig wird, sich Freude und Glücksgefühle einstellen?

Der beschriebene Zustand scheint für viele Menschen im Arbeitsalltag Utopie zu sein.  Geprägt von der protestantischen Arbeitsethik assoziieren viele Menschen Arbeit mit Plagerei, Sorge und Frustration. Doch der oben beschriebene Zustand wurde nicht nur schon in der Antike („Eleusinischen Mysterien“), sondern in den verschiedensten Kulturkreisen in unterschiedlichen Epochen ausführlich beschrieben. Dieser Zustand scheint schon immer bekannt zu sein, noch heute kennen ihn über 90 % der befragten Menschen in Deutschland.

Dieser Zustand wurde in der westlichen Welt durch den Glücksforscher Mihaly Csiksentmihalyi mit dem Begriff des „Flows“ bekannt.  In den anderen Untersuchungen wird dieser Zustand „in the zone“ oder „peak experience“ genannt, gemeint ist immer dasselbe: ein optimaler Bewusstseinszustand, in dem man sich am wohlsten fühlt und gleichzeitig das Beste leisten kann. Wo die Konzentration so hoch ist, dass alles andere verschwindet, Handlung und Achtsamkeit verschmelzen, das Selbst und Zeitgefühl verschwindet. Ein Gefühl der Stimmigkeit, man weiss genau was zu tun ist, ohne zu nachzudenken, zu planen und zu analysieren

Menschen berichten von diesen Erfahrungen oft beim Sport, Kochen, künstlerischen Tätigkeit, Gartenarbeit etc., verhältnismäßig wenig in der täglichen Arbeit des Büros oder Organisationen. 

Beschreibungen von Betroffenen: 

Kletterer: „Die Aufgabe stellt solche Anforderungen und ist so reich in ihrer Komplexität und Anziehungskraft..... Man taucht gewissermaßen ein in das, was um einen herum vorgeht, in den Felsen, in die Bewegung.....man verliert das Bewusstsein in die eigenen Identität“

Bekannter Komponist: „Man ist in einem Gefühlt der Ekstase, und zwar so sehr, dass man das Gefühlt hat, nicht zu existieren. Meine Hand scheint losgelöst von mir und ich habe nichts mit dem zu tun, was passiert. Ich sitze nur und beobachte, ehrfürchtig und staunend. Und die die Musik fließt einfach aus mir heraus“

Manager: „Ich liebe dieses Tempo, Ich mag es, dass die Dinge sich schnell und rasch ändern – und dass man mit diesen Änderungen mit neuen Aufgaben konfrontiert ist. Ich gerate in Aufregung, angesichts von Herausforderung und Weiterentwicklung.“

Es stellt sich die Frage, warum Flow sowenig in Organisationen erfahrbar wird und was getan werden könnte. Davor wollen wir uns aber noch die aktuellen wissenschaftlichen Untersuchungen und deren Ergebnisse ansehen. 

In vielen Forschungsprojekten wie dem „Flow – Genomprojekt“ versucht man derzeit weltweit, vor allem aber auch im Silicon Valley,  zu erforschen, was sich bei diesem Bewusstseinszustand im Gehirn abspielt. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist die Ausschaltung des sogenannten „Präfrontale Kortex“ bei Erreichung des Flows.  Das ist deshalb bedeutsam, da dies nicht nur dort der Ort unseres Denkens und Analysierens ist, sondern auch des selbstempfundenen Selbst ist.  Aus diesem Grund erleben so viele Menschen in diesem Zustand Selbstvergessenheit und Zeitlosigkeit. 

Ebenfalls im „Präfrontalen Kortex“ angesiedelt sind die sogenannten persönlichkeitsbezogenen Konzepte der Impulskontrolle, übersetzt der sogenannte innere Kritiker. Diese innere Stimme, die immer permanent analysiert und vergleicht, ins Gestern sich verliert oder für Morgen plant.  Wenn diese Stimme verschwindet, dann stellt sich sowas wie „Peace in Mind“ ein und kann sich für neue Erfahrungen öffnen. 

Aber eines der wichtigsten Erkenntnisse sind die biochemischen Reaktionen, die durch den Flow ausgelöst werden. Sogenannte Neurotransmitter wie Noradrenalin, Dopamin, Endorphine, Serotonin, Anandamid oder Oxytocin werden freigesetzt und verursachen als körpereigene „Drogen“ die Auslösung von Glücksgefühlen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt auch süchtig machen können.  

Hierbei handelt es sich um Substanzen, die leistungssteigernd sind und die Stimmung aufhellen sowie einen erheblichen Einfluss auf die Kreativität haben. Norepinephrin und Dopamin führen beispielsweise zu einem erhöhten Fokus und verbessern die imaginären Fähigkeiten. Sie ermöglichen es auch, dass Muster schneller erkannt und Ideen schneller in neuer Weise verbunden werden können. Anandamid hingegen verbessert die Fähigkeit zum lateralen Denken. 

Der Gehirnforschung schon länger bekannt sind die unterschiedlichen Gehirnwellen, die in unterschiedlichen Bewusstseinszuständen auftreten. Der Alpha-Zustand liegt im EEG (Elektroenzephalogramm) zwischen Tagesbewusstsein und Traum und ist ein erhöhter Wahrnehmungszustand, in dem das Gehirn ganzheitlicher und vernetzter arbeitet – in diesem Wellenbereich findet Flow statt. 

In den letzten Jahren haben die wissenschaftlichen Untersuchungen zu diesem Bewusstseinszustand massiv zugenommen und wesentlich dazu beigetragen, dass der Begriff des veränderten Bewusstseinszustandes  entmystifiziert wurde. Es ist mittlerweile in Organisationen und TOP Management angekommen – so hat unter anderem eine 10-jährige McKinsey-Studie festgestellt, dass die Top-Führungskräfte fünfmal sind - d. H. 500 Prozent - produktiver sind, wenn sie sich im Flow befinden.  

Wie wird nun Flow ausgelöst?

Flowzustände haben Auslöser und Vorbedingungen, die sich in vier Kategorien einteilen lassen: Umweltauslöser, Psychologische Auslöser, soziale Umgebung und kreative Tätigkeit

Umweltauslöser:

- Konsequenzen und Folgen der Handlung: Wenn in der Umgebung eine Gefahr lauert, erhöht sich automatisch die Konzentration, man ist hellwach und fokussiert. Aus diesem Grund scheint das Flowerlebnis beim Klettern oder ähnlichen Tätigkeiten rasch einzutreten. Es muss aber nicht immer um gesundheitliche Risiken gehen, es können auch intellektuelle, soziale oder kreative Risiken sein. Dort wo man aus der Komfortzone austritt, etwas riskiert, sich überwinden muss und in die Lernzone eintritt, dann kann Flow leicht entstehen. 

- Umgebung aus Neuheit, Unvorhersehbarkeit und Komplexität: Dies bedeutet eine Umgebung oder Rahmen, der aus bestehenden Muster ausbrechen lässt, Unvorhersehbarkeit Raum gibt und das Unbekannte entstehen kann. Dies erhöht ebenso die Wachheit, Konzentration und damit die Lernerfahrung.  

- Körper: Der Köper ist nicht nur der Sitz unserer Emotionen, sondern ganz stark mit geistigen Aktivitäten verbunden. Jegliche Form der körperlichen Entspannung verursacht auch geistige Entspannung. Je mehr wir den Körper bei unserer Tätigkeit einsetzen, desto leichter kommen wir in den Flow. Daher sind auch Körper – Geist Aktivitäten wie Yoga, Tanz oder ähnliches tolle Möglichkeiten in den Flow zu kommen. 

Psychologische Auslöser

- innere Klarheit: Bei einer inneren Klarheit wissen wir, was zu tun ist und wohin wir unsere Aufmerksamkeit richten sollen. Die Anwendung dieser Idee in unserem täglichen Leben bedeutet, Aufgaben in kleine Stücke zu zerlegen und Ziele entsprechend zu setzen.

- Sofortiges Feedback: Es bedeutet eine direkte, augenblickliche Kopplung zwischen Ursache und Wirkung. Sofortiges Feedback ist wichtiger Bestandteil des Lernprozesses und wahrscheinlich die beste Möglichkeit sich beständig weiter zu entwickeln. Aus diesem Grund werden in den agilen Managementmethoden wie Design Thinking oder Scrum immer sofort nach Kundenfeedbacks gesucht.

Soziale Auslöser:

- Ausrichtung auf ein Ziel, Vertrauen und Kommunikation: Gruppenflow läßt sich durch die gemeinsame Ausrichtung auf ein Ziel, hohe Konzentration und vor allem gute Kommunikation (d. h. jede Menge Feedback) ermöglichen, das vor allem durch aktives Zuhören aktiviert wird. Dies ist aber nur möglich, wenn es in der Gruppe ein großes Vertrauen gibt, jeder sich auf den anderen verlassen kann und auf Macht bzw. Egospiele verzichtet wird. Dann kann sich eine Verschmelzung der Egos ergeben – als vereintes Ego gibt es nur das übergeordnete Ziel. 

Dies erlebte ich oft im Silicon Valley und scheint auch der Grund zu sein, warum kleine Start Ups Innovationen entwickeln können, die starre und große Organisationen nicht erreichen.

 Kreative Auslöser

Kreative und schöpferische Prozesse wie Malen, schreiben oder Gestalten, vor allem in Verbindung mit haptischen Erfahrungen können intensive Flowerfahrungen auslösen

Wie kommen wir nun in diesen Zustand und was können Organisationen tun?

In unserer Hektomatikwelt werden wir permanent abgelenkt,  sind dauernd im Analysieren, Bewerten des Vergangenen oder sind im Planen der Zukunft. Wie Endlosschleifen ratternd diese internen Dialoge im Kopf herum und wir haben nie gelernt in dem Augenblick zu sein, der gerade stattfindet. 

Digitale Kommunikationsmittel wie Smartphones oder Social Media sind zwar oft nicht mehr weg zu denkende Kommunikationsformen, erschweren uns aber oft in diese konzentrierte Aufmerksamkeit, diesen Fokus auf eine Handlung über einen längeren Zeitraum zu gelangen. Gleichzeitig geht dabei viel Energie, Kreativität und Produktivität verloren, weil man aus der Gehirnforschung weiß, welchen Schaden Multitasking anrichtet. 

Wollen sich Organisationen und Führungskräfte dem Thema des Flows stellen, dann gelingt dies nur mit einem offenen und ehrlichen Zugang und nicht als Mittel zum Zweck. Im Sinne, dass ich etwas in die Organisation einführe, damit die Mitarbeiter schneller und fleißiger arbeiten. 

Es gelingt nur ab einem gewissen Reifegrad, wo ich als Fürhungskraft ehrlich an den Rahmenbedingungen im Unternehmen interessiert bin, diese in Richtung den Flowauslösern adaptiere und vor allem das Wichtigste in den Vordergrund stelle:

die menschliche Entwicklung und dessen Entfaltung im organisatorischen Kontext. 

Man weiß aus der Flowforschung, dass Menschen diesen Zustand erreichen, wenn sich Tätigkeiten mit Fähigkeiten decken und eine leichte Überforderung stattfindet. In dieser Zone kann nicht nur das größte menschliche Wachstum stattfinden, sondern eine menschliche Erfahrung, die uns bereits in die Wiege gelegt wurde. 

Die Freude am Leisten und Gestalten, etwas zu erreichen, heute in der Psychologie als Selbstwirksamkeit bekannt. 

Diese in einer Organisation zu ermöglichen und zu fördern, ist eine der wichtigsten Aufgaben für Führungskräfte im digitalen Wandel. Wenn dies möglich wird, dann braucht man sich über die Erreichung eines Gruppenflows keine Gedanken machen, denn dann tritt er ganz von alleine ein, spielerisch und leicht. 

Mehr dazu in den Angeboten der Leadership Mastery der Art of Life und im nächsten Journalbeitrag

Autor: Mag. Werner Sattlegger, Founder and Director der Art of Life.  

Literatur Tips: 

“Stealing Fire” Steven Kotler, Jamie Wheal

“Flow im Beruf “, Mihaly Cskiksentmihalyi

„Homo Deus“,  Yuval Harari