Das Spiel des Lebens - was wir vom Fussball lernen können
Keine Sportart bewegt Menschen so sehr wie Fußball.
Leidenschaft, Identität, Sieg, Niederlage, Regeln, Scheitern – kaum irgendwo liegt all das so eng beieinander. Fußball ist weit mehr als ein Spiel. Er ist ein Spiegel des Lebens.
Und Spanien wurde Weltmeister. Nicht durch Zufall, Elfmeterglück oder eine Schiedsrichterentscheidung. Sondern weil sie schlicht die Besten waren: Spielfreude, Mut, Kreativität, Technik – und jeder wusste, was zu tun war.
Genau so entstehen außergewöhnliche Unternehmen. Und genau dort lauert paradoxerweise eine ihrer größten Gefahren: der eigene Erfolg.
Erfolg macht selbstsicher. Manchmal zu sicher. Man hört weniger zu, hinterfragt sich seltener und beginnt zu glauben, dass das, was gestern erfolgreich war, auch morgen funktionieren wird. Der Niedergang beginnt selten mit einer Krise. Er beginnt oft mit dem Glauben, bereits angekommen zu sein.
1. Wohlstandsstarre
Deutschland scheitert zum dritten Mal in Folge früh bei einer Weltmeisterschaft. Österreich scheidet ebenfalls aus – obwohl diesmal viel mehr möglich gewesen wäre. Während dessen stehen Mannschaften wie Paraguay, Ecuador oder Marokko auf dem Platz, als ginge es um ihr Leben. Schon bei der Nationalhymne sieht man den Unterschied.
Sie singen nicht einfach die Hmynen, nein - ihre Augen glühen, die Körperhaltung zeigt vollkommene Entschlossenheit.
Man spürt Hunger. Leidenschaft. Im wahrsten Sinne des Wortes spucken und beißen sie, kämpfen bis zum Umfallen und habe dieses tiefe Gefühl dass sie gewinne wollen .
Wer über lange Zeit erfolgreich ist, verliert oft genau jene Intensität, die ihn einst erfolgreich gemacht hat.
2. Wenn Erfolg zum größten Gegner wird
Beispiel: 2014 wurde Deutschland Weltmeister. Im Finale besiegte man Argentinien mit 1:0. Bei der Siegesfeier sorgte jedoch die sogenannte "Gaucho"-Einlage für Kritik. Sie verhöhnten den Finalgegner Argentinien, indem sie gebückt als „Gauchos“ schlichen und dazu sangen: „So gehen die Gauchos, die Gauchos, die gehen so. Und die Deutschen, die gehen so“.
Der Ausdruck "Gauchos" bezeichnet eigentlich südamerikanische Rinderhirten, wurde in diesem Zusammenhang aber als herabwürdigende Bezeichnung für die argentinische Mannschaft und deren Anhänger wahrgenommen, die deutsche Regierung hat sich dafpr auch entschuldigt.
Deutschland schied nach dem WM-Titel dreimal hintereinander bereits in der Vorrunde großer Turniere aus. Argentinien hingegen entwickelte sich weiter und war gestern zum zweiten Mal in Folge im Finale einer Weltmeisterschaft.
Natürlich gibt es dafür viele Gründe. Aber die Geschichte erinnert uns an eine wichtige Führungslektion:
Denn Erfolg kann Demut fördern – oder Überheblichkeit. Das gilt nicht nur für den Fußball. Es gilt genauso für Unternehmen.
3. Intensität schlägt Talent
Wenn man Mannschaften wie Marokko oder Ägypten beobachtet, fällt etwas auf: Vielleicht verfügen sie nicht immer über die besten Einzelspieler. Aber sie spielen mit einer unglaublichen Intensität. Hohe Energie. Hohes Tempo. Maximale Konzentration. Und den unbedingten Willen, jeden Zweikampf zu gewinnen.
Bis zur letzten Minute wird gesprintet, verteidigt und füreinander gekämpft. Jeder Ball wird behandelt, als könnte er über Sieg oder Niederlage entscheiden. Genau diese Intensität entscheidet heute oft über Erfolg oder Misserfolg.
Viele Organisationen investieren enorme Summen in Strategien, Technologien und Prozesse. Doch am Ende entscheidet oft etwas viel Einfacheres:
Mit welcher Energie arbeiten die Menschen?
Wie groß ist ihr Hunger, jeden Tag ein Stück besser zu werden?
Talent ist ein Geschenk. Intensität ist eine Entscheidung.
4. Be Water, my Friend
Bruce Lee sagte einmal: „Empty your mind. Be formless, shapeless — like water.“
Wasser hat keine feste Form. Es passt sich dem Gefäß an, in das es fließt. Es kann ruhig sein, aber auch enorme Kraft entwickeln. Es weicht Hindernissen aus, ohne sein Ziel zu verlieren. Genau darin liegt eine der wichtigsten Führungsqualitäten unserer Zeit: Anpassungsfähigkeit.
Wer glaubt, der Gegner werde genauso spielen wie beim letzten Mal, verliert. Wer davon ausgeht, dass die Zukunft so aussehen wird wie die Vergangenheit, ebenfalls.
Gerade bei England hatte man mehrfach den Eindruck, dass der Gegner unterschätzt wurde und die Mannschaft zu lange an einem Plan festhielt, der offensichtlich nicht funktionierte.
Das erleben wir auch in Unternehmen. Märkte verändern sich. Technologien verschieben ganze Geschäftsmodelle. Neue Wettbewerber entstehen dort, wo man sie nicht erwartet.
5. Leadership zeigt sich nach Niederlagen
Niederlagen offenbaren Charakter. Manche Trainer erklären nach dem Ausscheiden öffentlich, dass eigentlich alles richtig gewesen sei.
Beispiel: Julian Nagelsmann wirkte nach dem Aus eher wie ein beleidigter Verlierer als wie ein verantwortungsvoller Leader. Statt selbstkritisch Verantwortung zu übernehmen, kritisierte er die Medien und vermittelte wenig von jener Haltung, die eine Mannschaft nach einer Niederlage braucht. Später wurde zudem berichtet, dass bei der Aufstellung unter anderem eine einfache App als Hilfsmittel verwendet worden sein soll. Ob das entscheidend war oder nicht, spielt letztlich keine Rolle.
Das Ergebnis kennen wir: Deutschland ist ausgeschieden. Führung zeigt sich nicht im Sieg, sondern im Umgang mit Niederlagen.
6. Kultur schlägt Strategie
Vor jeder Weltmeisterschaft wird über Taktik gesprochen. Über Systeme. Über Daten. Über Ballbesitz und Pressing. Doch je länger das Turnier dauert, desto deutlicher wird: Am Ende gewinnt selten die Mannschaft mit der schönsten Strategie. Es gewinnen jene Teams, die füreinander laufen. Die einander vertrauen. Die Rückschläge gemeinsam wegstecken. Die bereit sind, für den anderen den entscheidenden Meter mehr zu gehen.
Das ist keine Strategie. Das ist Kultur. Genau deshalb scheitern auch in Unternehmen so viele brillante Strategien. Nicht weil die PowerPoint schlecht war, sondern weil die Kultur nicht stark genug ist, sie umzusetzen.
Culture eats strategy for breakfast, sagte Peter Drucker. Dieser Satz mag oft zitiert werden – bei dieser Weltmeisterschaft war er auf beeindruckende Weise sichtbar. Strategien kann man entwickeln. Kultur muss man jeden Tag leben. Und genau dort beginnt echte Führung.
7. Politsche Spiele
Sport ist nie nur Sport. Die Diskussionen rund um Entscheidungen der FIFA, Schiedsrichter, Sperren einzelner Spieler oder wirtschaftliche Interessen machen deutlich: Wo Menschen zusammenarbeiten, treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Macht, Einfluss und Politik gehören zu jedem großen System.
Das gilt im Fußball genauso wie in Unternehmen. Viele Führungskräfte wünschen sich Organisationen ohne Politik. Doch das ist eine Illusion. Wo Menschen um Budgets, Aufmerksamkeit, Einfluss, Karrieren oder strategische Prioritäten ringen, entsteht zwangsläufig politisches Verhalten. Das ist nicht automatisch schlecht.
Problematisch wird es dort, wo Macht wichtiger wird als die Sache. Wo Informationen zurückgehalten, Entscheidungen manipuliert oder Menschen gegeneinander ausgespielt werden.
Was ich von dieser Weltmeisterschaft gelernt habe
Die Weltmeisterschaft ist vorbei. Spanien ist verdient Weltmeister geworden. Doch viel wichtiger als der Pokal sind die Erkenntnisse, die bleiben. Erfolg entsteht nicht durch Zufall. Er entsteht durch Kultur. Talent allein reicht nicht. Intensität entscheidet. Wer erfolgreich bleiben will, muss lernfähig bleiben.
Wer führen will, muss zuhören, sich anpassen und bereit sein, sich immer wieder neu zu erfinden.
Und wer glaubt, bereits angekommen zu sein, hat oft genau in diesem Moment aufgehört zu wachsen.
Vielleicht fasziniert uns Sport deshalb so sehr. Nicht weil es nur um Tore, Siege oder Titel geht. Sondern weil wir im Sport uns selbst begegnen. Unsere Stärken. Unsere Schwächen. Unsere Hoffnungen. Unsere Ängste. Und weil wir dort in 90 Minuten oft mehr über Führung, Zusammenarbeit und das Leben lernen als in vielen Seminaren. Genau deshalb liebe ich den Fußball.
Und genau deshalb freue ich mich schon heute auf die nächste Weltmeisterschaft.
Autor: Wenre Sattlegger, Foudner Art of Life
Autor: Werner Sattlegger
Founder & CEO Art of Life
Experte für digitale Entwicklungsprozesse, wo er europäische mittelständische Familien- und Industrie-unternehmen von der Komfort- in die Lernzone bringt. Leidenschaftlich gerne verbindet er Menschen und Unternehmen, liebt die Unsicherheit und das Unbekannte, vor allem bewegt ihn die Lust am Gestalten und an Entwicklung.