Worauf es in 2026 ankommt
Während die politische Weltbühne in Davos über Grönland, neue Regulierungen und die Feinheiten der Geopolitik debattiert, vollzieht sich abseits der Kameras eine weit dramatischere Verschiebung.
Als Kurater zahlreicher Exexutive Learning Journey beobachte ich diese Entwicklung nicht aus der Ferne – ich sehe sie live vor Ort in den Labs von OpenAI und auf den Campus von Nvidia.
Die Schere zwischen den „KI-Gewinnern“ und den Zögerern klafft nicht mehr nur ein bisschen; sie reißt unaufhaltsam auf.
Wir befinden uns im Jahr 2026 nicht mehr in der Phase des „Ausprobierens“. Die Zeit der Pilotprojekte und unverbindlichen Experimente ist vorbei. Wir sind mitten im Zeitalter der Physical AI – einer neuen industriellen Revolution, die unsere Vorstellung von Wertschöpfung radikal neu definiert.
In diesem Beitrag geht es darum, wie diese Revolution in der Praxis aussieht, warum der Mittelstand jetzt an einer kritischen Weggabelung steht und wie Sie sicherstellen, dass Ihr Unternehmen nicht auf der falschen Seite des Grabens zurückbleibt.
Major AI Trends
Ich übe mich nicht im Lesen der Glaskugel. Ich weiß weder, wann die 'Superintelligenz' kommt, noch welcher der Tech-Giganten am Ende das Rennen machen wird.
Was ich jedoch weiß: Ich beobachte die aktuellen Entwicklungen der europäischen Industrie und den technologischen Vorsprung in den USA extrem genau, da ich in beiden Welten fest verankert bin. Was ich dort sehe, ist ein enormes Auseinanderdriften zwischen dem, was heute bereits möglich ist, und dem, was auf uns zukommt.
Hier ist meine Einschätzung der aktuellen Trends für 2026
Physische KI: ai eats machine
Yann LeCun (Meta) war in Davos deutlich: ChatGPT war nur das Spielzeug. Die echte Revolution ist die Physische KI.
AI eats the Machine: Wir erleben den Shift von „Software eats the world“ zu „AI eats the Factory“.
Beispiel: Moderne Weltmodelle verstehen heute Physik und Materialeigenschaften besser als erfahrene Ingenieure. Sie simulieren Millionen von Produktionsstunden in Sekunden. Wer hier den Anschluss verpasst, wird in fünf Jahren keine wettbewerbsfähigen physischen Produkte mehr produzieren können.
Workflows statt magischer „Agenten“
Warten Sie nicht auf die KI, die „einfach alles macht“. Bauen Sie stattdessen „Ketten“.
Konkret: Anstatt die KI zu fragen: „Schreib mir ein Angebot“, bauen Sie einen Workflow:
KI liest die E-Mail des Kunden.
KI vergleicht die Anfrage mit Ihrer Preisliste (PDF).
KI entwirft das Angebot in Ihrem CRM.
Praxis-Tipp: Identifizieren Sie den Prozess in Ihrer Firma, der am häufigsten wiederholt wird (z. B. Rechnungsprüfung oder Reklamation). Zerlegen Sie ihn in 5 Einzelschritte und lassen Sie die KI jeden Schritt nacheinander abarbeiten.
Toolset
Make.com: Die mächtigste Plattform, um komplexe Workflows visuell zu bauen (ideal für die Verbindung von HubSpot, KI und Dokumenten).
Zapier: Der einfachste Weg, um über 6.000 Apps miteinander zu verbinden. Perfekt für einfache „Wenn das, dann das“-Ketten.
n8n.io: Die datenschutzfreundliche Alternative aus Deutschland, die man auf eigenen Servern hosten kann (wichtig für sensible Industriedaten).
Beispiel-Workflow für die Praxis:
Trigger: HubSpot meldet ein neues Ticket.
KI-Check: OpenAI (GPT-4o) analysiert die Stimmung (Sentiment) der Anfrage.
Abgleich: Google Drive (Preisliste als PDF) wird nach Schlagworten durchsucht.
Output: Slack benachrichtigt den zuständigen Sachbearbeiter mit einem fertigen Antwort-Entwurf.
Die Demokratisierung der Fachkraft
Die technische Hürde ist weg. Ihre Fachabteilungen brauchen keine IT-Hilfe mehr für Daten-Auswertungen.
Konkret: Ein Marketing-Mitarbeiter kann jetzt eine CSV-Datei mit 10.000 Kundendaten in ChatGPT/Claude hochladen und fragen: „Erstelle mir eine Korrelationsanalyse zwischen Wohnort und Kaufkraft.
Praxis-Tipp: Geben Sie Ihren „Domänen-Experten“ (Vertrieb, Marketing, HR) das Budget für KI-Tools, nicht nur der IT-Abteilung. Das Wissen liegt im Business, nicht im Code.
Toolset
ChatGPT Plus (Data Analysis): Das Standard-Tool, um CSV-Dateien hochzuladen und komplexe Diagramme oder Korrelationen per Chat-Befehl zu erstellen.
Claude.ai: Laut vielen Experten aktuell die beste KI für das Schreiben von fehlerfreiem Code und das Verständnis von sehr langen, technischen Dokumenten.
Julius AI: Ein spezialisierter „KI-Datenanalyst“, der besonders gut darin ist, statistische Modelle aus Excel-Tabellen zu bauen.
Kontext-Management als Wettbewerbsvorteil
Prompts schreiben ist Handwerk, Kontext liefern ist Führung.
Konkret: Eine KI ist nur so gut wie das Wissen, auf das sie zugreift. Wenn Ihre Projektdokumentation verstreut in E-Mails, WhatsApp und Zetteln liegt, halluziniert die KI.
Praxis-Tipp: Starten Sie ein Projekt zur „Daten-Hygiene“. Zentralisieren Sie Ihr Unternehmenswissen (z. B. in Notion, Sharepoint oder einem Wiki), damit die KI eine „Single Source of Truth“ hat.
Das Tempo-Paradoxon: „Speed is the only Feature“
Im Silicon Valley ist Geschwindigkeit kein Wettbewerbsvorteil, sondern die Existenzberechtigung.
Der Realitätsschock: Während man in Europa drei Gremiensitzungen braucht, um ein Budget für ein Pilotprojekt freizugeben, haben Startups in San Francisco bereits die dritte Iteration ihres Modells live.
Die Zahl des Scheiterns: Unternehmen, die länger als 4 Monate für die Entscheidung zur KI-Implementierung brauchen, verlieren laut aktuellen Marktanalysen jährlich bis zu 15 % ihrer operativen Marge an agilere Wettbewerber.
Die harte Realität: Wer 2026 noch sechs Monate für eine Budgetfreigabe benötigt, hat das Rennen verloren. „Wait and see“ ist keine Strategie, sondern ein schleichender Insolvenzantrag.
Das Executive-Action-Package: 3 Dinge, die Sie Montag tun müssen
Das „Tigre team“ einberufen: Geben Sie Ihren fünf talentiertesten Digital-Köpfen ein Budget und volle Entscheidungsfreiheit – ohne den klassischen Berichtsweg.
Die 48-Stunden-Regel: KI-Experimente bis zu einer Summe von 50.000 € müssen innerhalb von 48 Stunden genehmigt oder abgelehnt werden.
Exzellenz-Zwang: Machen Sie KI-Kompetenz zur Bedingung für jede Beförderung auf Management-Ebene.
Ausblick
Am Ende meiner Reisen ins Valley stehe ich oft mit Geschäftsführern an einer Bar in North Beach und wir lassen die Woche nachklingen. Der Blick ist dann meist derselbe: „Können wir das auch?“
Meine Antwort ist heute klarer denn je: Wir können es nicht nur, wir müssen es. In zehn Jahren werden wir auf diesen Moment heute zurückblicken. Wir werden uns fragen, ob wir die Kapitäne waren, die den Kurs rechtzeitig geändert haben.
Hören wir auf über Risiken der KI zu dozieren, während andere bereits die Märkte der Zukunft besetzen. Die Zukunft wartet nicht auf die nächste Aufsichtsratssitzung. Sie beginnt in genau diesem Moment.
Autor: Werner Sattlegger, CEO Art of Life
Veranstaltunshinweis:
Die Trends für 2026 klingen für viele noch nach Zukunftsmusik – doch im Silicon Valley sind sie bereits operative Realität. Wenn Sie nicht nur darüber lesen, sondern die Architekten dieser neuen Ära persönlich treffen wollen:
Im Juni nehme ich eine exklusive Gruppe von maximal 7 Unternehmensinhabern und CEOs mit auf eine Strategie-Reise ins Valley. Wir besuchen die Zentren der „Physical AI“ und prüfen konkrete Investment-Cases vor Ort. Möchten Sie im Juni dabei sein? Lassen Sie uns in einem 15-minütigen Gespräch klären, ob Ihre Ziele zur Gruppe passen.
Silicon Valley Learning Journey, 08.- 12. Juni, 2026
Literaturhinweise
Co-Intelligence: Living and Working with AI" von Ethan Mollick. Warum: Mollick ist aktuell der führende Experte dafür, wie KI die Arbeit von Wissensarbeitern (White-Collar) tatsächlich verändert – weg vom Hype, hin zum Workflow.
"The Coming Wave: Technology, Power, and the Twenty-first Century's Greatest Dilemma" von Mustafa Suleyman (Mitbegründer von DeepMind). Warum: Perfekt für das Verständnis von „Physical AI“ und der Geschwindigkeit, mit der KI in die physische Welt (Robotik, Biologie) überschwappt.
"Prediction Machines: The Simple Economics of Artificial Intelligence" von Ajay Agrawal, Joshua Gans und Avi Goldfarb. Warum: Ein Muss für Eigentümer. Es erklärt KI nicht technisch, sondern rein ökonomisch als Werkzeug, das die Kosten für Vorhersagen drastisch senkt.
Autor: Werner Sattlegger
Founder & CEO Art of Life
Experte für digitale Entwicklungsprozesse, wo er europäische mittelständische Familien- und Industrie-unternehmen von der Komfort- in die Lernzone bringt. Leidenschaftlich gerne verbindet er Menschen und Unternehmen, liebt die Unsicherheit und das Unbekannte, vor allem bewegt ihn die Lust am Gestalten und an Entwicklung.