ChatGPT moment for manufactruing
Hundert Fabriken in wenigen Jahren – als ehemaliger Geschäftsführer der Industriellenvereinigung durfte ich die DNA unserer Industrie aus nächster Nähe erleben. Ich sah Nischenweltmeister und Ingenieurskunst auf höchstem Niveau. Doch heute, im Jahr 2026, ist die Bewunderung der Besorgnis gewichen. Wir hören Hiobsbotschaften im Wochentakt: Standortmängel, Strukturkrisen, Konjunkturflaute.
Blicken wir der Wahrheit ins Auge: Wir haben vor allem ein massives Produktivitätsproblem. Die Lohnstückkosten in Österreich drücken uns aus dem Markt und wenn wir so weitermachen, dann bleiben wir nicht wettbewerbsfähig. Gleichzeitig findet die größte Veränderung in unserer Industrie statt - „ChatGPT-Moment“ für die Werkshalle.
Der „Perfect Storm“: Drei Wellen, die alles verändern
Wer diese Fronten ignoriert, wird 2030 kein Marktteilnehmer mehr sein:
Die demografische Kernschmelze: Wenn ab 2029 die Babyboomer endgültig in Pension gehen, ist die Frage nicht mehr: „Was kostet die Stunde?“, sondern: „Ist überhaupt noch jemand da, der die Maschine bedient?“
Der Durchbruch der Physical AI: Auf der CES in Las Vegas haben wir es gesehen: Dank neuer „Weltmodelle“ lernen Maschinen endlich zu sehen und zu verstehen. 2026 springen die weltweiten Installationen auf über 619.000 Einheiten.
Die 4-fache Produktivität: KI-Vorreiter steigern ihren Umsatz pro Mitarbeiter heute dreimal schneller als der Rest. Das ist kein Sci-Fi – das ist der neue Benchmark.
Warum jetzt der Kipppunkt erreicht ist
Drei Beschleuniger im Bereich der Robotik machen das Unmögliche möglich:
Radikaler Preissturz: Roboterarme sind heute Präzisionswerkzeuge zum Bruchteil früherer Kosten.
Vom Spezialisten zum Allrounder: Dank flexibler Software nutzt Foxconn Roboter, die früher iPhone-Buttons drückten, heute für die Chip-Montage. Ein Code-Tweak statt teurem Umbau.
Software-First: Siemens investiert 10 Milliarden Dollar in Altair. Warum? Weil Software heute das Herz der Automation ist, nicht mehr das Eisen.
Praktisches Beispiel: Skild AI – Das „Gehirn“ für jeden Roboter
Während wir in Europa oft noch über einzelne Anwendungsfälle grübeln, skaliert z.B. das US-Startup Skild AI gerade in astronomische Höhen. Das Ziel ist die Entwicklung eines „Omnibodies“-Gehirns, mit dem jeder Roboter für jede beliebige Aufgabe gesteuert werden kann. Alles großen Techunternehmen investieren wir nun, somit hat Skild AI soeben 1,4 Milliarden Dollar eingesammelt.
Wie könnte eine FARBIK DER ZUKFUNT AUSsehen ?
Ich kann nicht in der Glaskugel lesen, aber was ich durch meine Lernreisen im Silicon Valley und gleichzeitig bei den vielen Werksbesuchen in Europa wahrnehme sind foglende Trends:
Dezentralisierung vs. Gigafactories: Während Gigafactories (besonders in der Batteriefertigung) weiter wachsen, ermöglichen flexible Roboter den Trend zu kleineren, stadtnahen Fabriken. Dies verkürzt Lieferwege, umgeht Handelszölle und macht es leichter, Talente in urbanen Zentren zu finden. Das spart Logistikkosten und bringt die Produktion nah zum Kunden (wichtig bei Zöllen und Lieferketten-Problemen).
Die Fabrik hat ein „Gedächtnis“ (Digital Twin) Bevor auch nur eine Schraube physisch bewegt wird, existiert die gesamte Fabrikhalle als 3D-Scan, und damit planbar und sichtbar schon weit davor. Dadurch können sie Indsutrieunternehmen bis 40% ersparen.
Vom Fließband zur „Insel-Fertigung“: Die starre Montage-Linie (Henry-Ford-Prinzip) stirbt aus. Stattdessen gibt es modulare Produktionsinseln. Werkstücke fahren auf autonomen Transportsystemen (AGVs) durch die Halle. Beispiel: Wenn Station A überlastet ist, berechnet das System in Echtzeit einen Weg zu Station B. Man kann auf derselben Fläche morgens Produkt X und nachmittags Produkt Y fertigen, ohne die ganze Halle umbauen zu müssen.
Der „ChatGPT-Moment“ am Greifarm (Agentic AI) Früher war „Bin Picking“ (Teile aus einer Kiste greifen) eine Herkulesaufgabe für Programmierer. Dank Vision-Language-Action-Modellen (VLA) muss man dem Roboter nicht mehr jede Koordinate beibringen. Er „sieht“ das Teil, erkennt die Lage und entscheidet selbst, wie er es greift
Ausblick
Über 50 % unserer Wertschöpfung hängen direkt an der Industrie – und damit unser gesamter Wohlstand. Die Tools für einen massiven Produktivitätssprung sind längst da.
Doch was tun wir? Wir versinken in endlosen Pilotprojekten, Debatten und Bedenken.
Die größte Bremse? Oft das Mittelmanagement. Dort blockiert die Angst: Die Angst, den Job zu verlieren oder in einer KI-getriebenen Welt die eigene Relevanz einzubüßen.
Doch diese Angst ist teuer – sie kostet uns unsere Zukunft, davon bin ich absolut überzeugt.
Hören wir auf zu verwalten und fangen wir an zu gestalten. Es braucht Mut zur radikalen Veränderung, diesen Mut gibt es nicht im Sonderrabat im Supermarkt.Dieser entsteht, wenn wir Räume schaffen, wo Menschen nicht beschämt werden, wenn Sie etwas probieren, wo sie Risiken eingehen und sich für das Unbekannte interressieren. Und vielleicht auch den Mut haben, bestehende Vernunft und Regeln zu brechen.
Ganz im Sinne des österreichischen Philosophen Paul Feyerabend: , der nicht zufällig in Berkely 30 Jahre an der Universität unterichtet hat, nicht weit weg vom Silicon Valley - „Anything goes!“
Brechen wir die alten Regeln, bevor der Markt uns bricht. Stehen wir auf, denken neu – und bauen wir unser Fabriken neu.,
Autor: Werner Sattlegger, CEO Art of Life
Veranstaltunshinweis: Silicon Valley Learning Journey, 08.- 12. Juni, 2026
Literatur & weiterführende Forschung
IFR (International Federation of Robotics) – „Top 5 Robotik-Trends 2026“: * Kerninhalt: 2026 ist das Jahr der „Agentic AI“ (hybride KI, die analytische Planung mit generativer Anpassungsfähigkeit verbindet). Roboter werden zu autonom agierenden Agenten in komplexen Umgebungen.
Zahl: Der Marktwert installierter Industrie-Roboter erreicht im Januar 2026 einen neuen Rekord von 16,7 Mrd. USD.
Gartner – „Top 10 Strategic Technology Trends for 2026“:
Kerninhalt: Gartner definiert „Physical AI“ und „Multiagent Systems“ als die entscheidenden Treiber. Es geht weg von isolierten Tools hin zu vernetzten Systemen, die wie ein Nervensystem agieren.
Markets and Markets – „Factory Automation Report 2030“:
Kerninhalt: Der Markt für Fabrikautomation wird bis 2030 auf 435 Mrd. USD anwachsen, mit einer massiven Beschleunigung ab 2025/26 (CAGR von 9,6 %).
World Economic Forum (WEF) – „Global Lighthouse Network Case Study: Siemens Erlangen“ (Update 2026):
Kerninhalt: Siemens hat durch den Einsatz von über 100 KI-Algorithmen und Digital Twins die Arbeitsproduktivität um 69 % gesteigert und die Markteinführungszeit um 40 % verkürzt.
Siemens Amberg Factory (The Electronics Factory):
Kerninhalt: Beweis für die Skalierbarkeit: 20-fache Produktionssteigerung seit 1989 bei nahezu gleichbleibender Belegschaft durch konsequente Automatisierung.
Deloitte – „2026 Manufacturing Industry Outlook“:
Kerninhalt: Hersteller reagieren auf Handelszölle und Lieferketten-Risiken durch Dezentralisierung. Der Trend geht weg von einer einzigen Riesenfabrik hin zu einem flexiblen Netzwerk kleinerer Werke („Nearshoring“).
Autor: Werner Sattlegger
Founder & CEO Art of Life
Experte für digitale Entwicklungsprozesse, wo er europäische mittelständische Familien- und Industrie-unternehmen von der Komfort- in die Lernzone bringt. Leidenschaftlich gerne verbindet er Menschen und Unternehmen, liebt die Unsicherheit und das Unbekannte, vor allem bewegt ihn die Lust am Gestalten und an Entwicklung.