Verantwortung statt Beliebigkeit

„Kollaterales Staatsversagen“, so einig sind sich politische Kommentatoren selten, wenn es um die Beurteilung der Leadership Qualitäten der österreichischen Regierung geht. Gemeingefährliches Zaudern und Zögern, Lavieren und Taktieren, ein Unvermögen unpopuläre Entscheidungen zu treffen, egal was, die letzten Tage haben ein jämmerliches Bild unserer politischen Führungselite abgegeben.

Wir leben in einer Kultur der Verantwortungslosigkeit und Beliebigkeit, was gerade in der Führung fatal sein kann. Glaubwürdigkeit und Vertrauen werden zerstört, Frustrationen und Spaltungen sind die Folge. Wie dagegen Verantwortung mit reifer Führung in Organisationen gelebt werden kann, darum geht es in diesem Beitrag.

Was Verantwortung ist

Das mittehochdeutsche Wort „verantwürten“ bedeutete, sich als Angeklagter vor Gericht  zu verteidigen und damit Stellung zu beziehen. Der heutige Wortstamm Verantwortung besteht aus dem Verb „antworten“, was soviel bedeutet wir für etwas Stellung zu beziehen, zu entscheiden, für die Folgen einer Handlung „gerade zu stehen“. Genau das hat der deutsche Soziologe Max Weber mit „Verantwortungsethik“ gemeint, entscheidend sind die Folgen meiner Handlung, nicht so sehr meine Einstellung (Gesinnungsethik).

Verantwortung erfordert aber Transparenz, Selbstreflexion und Mut, da wir mit Kritik oder Konsequenzen rechnen müssen, was als Scheitern erlebt wird. Das wollen wir aber nicht, wir suchen lieber Sündenböcke, „die anderen sind Schuld“, vermeiden so Verantwortung. Vor allem vermeiden wir das Treffen von Entscheidungen, was eine der wichtigsten Form von Verantwortung ist.

Verantwortung bedeutet Entscheidungen zu treffen

Etymologisch kommt das Wort „entscheiden“ vom germanischen Wortstamm „skeidir“, was soviel wie Schwertscheide bedeutet. Daraus wurde im althochdeutschen „intsceidon“,was in der Umgangssprache für „bestimmen, aussondern oder ein Urteil fällen“ verwendet wurde.

Eine Entscheidung kann ich treffen, wenn ich Wahlmöglichkeiten habe, auch wenn sie mir nicht immer bewusst sind. Wir vermeiden oder verdrängen aber oft diese Wahlmöglichkeiten, wenn wir keine Verantwortung übernehmen wollen.

Ich erkenne das Abschieben von Verantwortung oft an den Worten „Man muss“ oder „Ich muss“, die  vorgeschoben werden, um etwas zu tun. Zum Beispiel ist der Satz „Ich muss heute in die Arbeit gehen“ nebulos, denn letztlich bin ich es, der jeden Tag zur Arbeit geht, ich habe mich dafür entschieden, daher tue ich es. Das mag mir nicht immer gefallen, ich kann es auch bedauern, aber ich stehe dazu, weil es meine Entscheidung ist.

Leben bleibt mit so einem Verhalten „lauwarm“, ohne Kraft und Entschiedenheit. Denn ich  bleibe dann Opfer der Umstände, bin nicht mehr Gestalter oder habe das Heft in der Hand.

Im Gegensatz fördert das Treffen einer Entscheidung Entschlossenheit und Klarheit, auch wenn diese unpopulär ist. Eine kraftvolle Entscheidung, im Wissen um die eigene Verantwortung, setzt eine enorme Umsetzungsenergie frei, die es braucht, um die Entscheidung auf die „Straße zu bringen“. Auf einmal öffnen sich Tore, die davor verschlossen waren und die Aufmerksamkeit kann sich fokussieren, so ist meine persönliche Erfahrung.

Unentschlossenheit“ verbraucht viel Energie, fördert Frustration und lähmt, jeder kennt diese Phasen.

Daher ist größte Frustrationsquellen in Organisationen sind Unklarheiten und Entscheidungsschwäche. Oder aber auch Entscheidungen, die nicht umgesetzt werden oder schlichtweg dumme Entscheidung, an denen man wider besseren Wissen festhält. Denn wir halten oft an Entscheidungen fest, weil schon Kosten angefallen sind, die wir rechtfertigen wollen, bekannt als sunk cost fallacy“. Oder Kompetenzen können so schwammig sein, dass nicht klar ist, wer wann entscheidet und Entscheidungen werden “nach oben” delegiert, um ja nicht Verantwortung zu übernehmen.   

Zeitalter der Beliebigkeit, warum wir Verantwortung meiden

Verantwortung bedeutet Stellung zu beziehen, eine Meinung haben und auch zu vertreten, für etwas Sorge tragen oder eine Entscheidung zu treffen. Das fällt uns oft schwer, das hat auch mit Tendenzen der Optimierung, Kurzfristigkeit und Beliebigkeit im digitalen Zeitalter zu tun.

So beschreibt etwa FoMO -  Fear of missing out“, die zwanghafte Sorge ein Ereignis zu verpassen und nicht mehr auf dem Laufenden zu bleiben. Oder eine Optimierungssucht, die durch die digitale Informationsflut befeuert wird. Wir halten uns Optionen offen, um uns nicht festlegen zu müssen, da noch etwas „besseres kommen könnte“. Das kann sich darin zeigen, dass Jobangebote kurzfristig absagt oder Projekte anders priorisiert werden, da man neue Informationen hat. Ständiges optimieren und vergleichen, immer auf die beste Gelegenheit warten, bevor man sich festlegt.

Beispiel: Soziale Treffen oder Meetings werden oft kurzfristig abgesagt oder verschoben. Datingplatformen ermöglichen die optimale Partnerwahl und den schnellen Wechsel, ohne sich einmal auf einen Partner einzulassen und auch schwierige Zeiten auszuhalten.  

Verantwortung leben

Egal ob im Situationen des täglichen Lebens, in Organisationen oder im Führungsverhalten, Verantwortung bleibt oft beliebig und schwammig, “Kompetenzwirrwarr“ ist ein Gift für jegliches Miteinander.

Beispiele: In vielen Organisationen gibt es unklare Kompetenzen, schwammige Zuordnungen, bis hin zu Doppelgleisigkeiten von Abteilungen oder Fachbereichen. Oder in Projekten ist oft nicht klar, wer für was zuständig ist, oder es fehlt die Schriftlichkeit von Protokollen, wo  erkennbar wäre, wer was bin wann umzusetzen ist.

Unser Zusammenleben in einer komplexen Welt braucht Klarheit, Zuordnung und Transparenz, vor allem weil es Orientierung gibt. Organisationen müssen daher Klarheit und Ordnung zu schaffen, denn strukturelle Konflikte entstehen auf unklaren Verantwortungsbereichen, die wiederum weitere Konflikte verursachen. Das führt wieder zu Frustration, eine Spirale der Negativität beginnt sich zu drehen. Dabei ist die Klärung von Zuständigkeiten, Kompetenzen und Verantwortungen keine Raketenwissenschaft und könnte sehr schnell geklärt werden:   

·      Wer ist der Handelnde?

·      Was ist die konkrete Handlung?

·      Wann wird die Handlung gesetzt?

·      Wer darf welche Entscheidungen treffen?

·      Wer ist der Adressat oder die Instanz, vor wem gilt die Verantwortung?

·      Was sind die Folgen der Handlung ?

·      Warum setze ich diese Handlung oder treffe diese Entscheidung? 

Hier bleiben viele Organisationen „schlampig“, oft wird nicht geklärt was zu klären wäre. Das sind schwerwiegende Fehler, da sie der Verantwortungslosigkeit Tür und Tor öffnen. Diese Fragen gilt es zu zu beantworten, zu klären, zu vereinbaren und zu verschriftlichen. Dann müssen Abweichungen von Verantwortungen konfrontiert und Konsequenzen gezogen werden. Führungskräfte versuchen oft “zu vernebeln oder zu verschleiern”, gehen diesen notwendigen Konfronationen aus dem Weg. Die Flucht aus der Verantwortung erkennt man auch an der Unfähigkeit sich zu entschuldigen erkennt.

In unserer Gesellschaft und in vielen Unternehmen fehlt ein “Auswahlbewusstsein”, wen mache ich auf Grund welcher Qualitäten zu einer Führungskraft. Hat dieser Kandidat die persönliche Reife auch in schwierigen Zeiten Verantwortung zu übernehmen, das ist die Frage die gestellt und überprüft werden muss, vor allem bei Politikerinnen. Aus diesem Grund bin ich aus gegebenen Anlass auch für eine Eignungsprüfung für politische Funktionsträger. Es kann nicht sein, dass für niedrigste Positionen in der Verwaltung Auswahlverfahren durchgeführt werden, aber jeder Mensch Minister, Abgeordnete oder Bürgermeister werden kann, ohne dass irgendwer die Qualifikationen überprüft.

Wenn jemand nicht geeignet ist eine Tätigkeit auszuführen, dann spricht man in der Juristerei auch von „Einlassungsfahrlässigkeit“. Als Geschäftsführer haftet man z.B. auch dann, wenn er „bloß“ aufgrund persönlichen Unvermögens (mangelnde Kompetenz in einem bestimmten Bereich) den geforderten hohen Sorgfaltsmaßstab nicht einhalten kann. Das muss vor allem für Positionen gültig sein, die auf Grund Ihrer Macht mit ihren Entscheidungen große Auswirkungen auf andere Menschen haben, wie in politischen Funktionen. 

Skin in the Game“

Dazu gibt einen spannenden Ansatz, der eine Handlung oder eine Entscheidung mit dem persönlichen Risiko verbindet. „Skin in the game“ ist ein Begriff, der durch das gleichnamige Buch von Nicolas Taleb bekannt geworden ist. Bin ich als Handelnder entweder in der Komfortzone ohne Konsequenzen oder setze ich eine Handlung oder treffe eine Entscheidung, wo ich persönlich betroffen bin – „ich riskiere meine Haut, skin in the game“ . Demnach sollten Menschen, die nicht unmittelbar von den Folgen einer Entscheidung betroffen sind, auch nicht in der Position sein, sie zu treffen.

Diese Theorie hat ihre Wurzeln in den Gesetzen Hammurabis, der vor rund 3.800 Jahren eine Tafel aufgestellt, um Symmetrien zwischen Menschen und einer Transaktion festzulegen. Hammurabis bekannteste Anordnung war: „Wenn ein Baumeister ein Haus baut und das Haus bricht später zusammen und verursacht den Tod des Hausbesitzers, ist der Baumeister hinzurichten.“ Sie ist laut Nassim Nicholas Taleb metaphorisch, also nicht wörtlich zu verstehen, aber dieser grundsätzliche Gedanke würde in Politik und Organisationen viel verändern. Bin ich nur angestellter Manager oder eigenverantwortlicher Unternehmer, das macht einen großen Unterschied, das zeigen auch zahlreiche Studien.

Verantwortungsbewusstsein

In unserer Gesellschaft und Arbeitswelt fehlt das Bewusstsein, sich für Interaktionen, Projekte, Dinge oder Menschen zu verpflichten, sprich zu verantworten. Was fehlt ist ein Bewusstsein für Verantwortung, für meine Handlungen und vor allem für die Folgen meiner Entscheidungen.

So zahlen etwa den Preis für den Dilettantismus in Österreich nicht die handelnden Politiker, sondern  andere: Unternehmer, Kinder, Eltern, de facto jeder Bürger in diesem Land. Eine Mischung aus Wut und Ärger ist die aktuelle Gemengelage, Glaubwürdigkeit und Vertrauen als wichtigster soziale Treibstoff für unser tägliches Miteinander werden zerstört. Wenn dieser fehlt, dann wird es gefährlich und kann in einer Gesellschaft zu einer Spaltung führen.

Diese Verantwortungsbewusstsein muss meiner Meinung nach früh in der Erziehung in den Mittelpunkt gestellt werden. Es ist nicht egal was man aus welchem Grund tut, das ist einer der Hauptbotschaften, die man gerade jungen Menschen mitgeben sollte. Verantwortung zu übernehmen beginnt mit der eigenen Lebensführung und weitet sich im Führungsverhalten auf andere aus.

Dann besteht berechtigte Hoffnung, dass die “Verantwortungs DNA” in unserer Gesellschaft und Wirtschaft wieder gelebt wird. Dafür tragen wir alle die Verantwortung.

Autor: Mag. Werner Sattlegger, Founder Art of Life

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Autor: Werner Sattlegger
Founder & CEO Art of Life

Experte für digitale Entwicklungsprozesse, wo er europäische mittelständische Familien- und Industrie-unternehmen von der Komfort- in die Lernzone bringt. Leidenschaftlich gerne verbindet er Menschen und Unternehmen, liebt die Unsicherheit und das Unbekannte, vor allem bewegt ihn die Lust am Gestalten und an Entwicklung.