Leadsänger Naked Lunch, Oliver Welter im Gespräch mit Werner Sattlegger (School of Life) über Blockaden im Kreativitätsprozess, der Angst vor dem Scheitern und der persönliche Umgang damit.

Mit seiner Band Naked Lunch seit 25 Jahren etliche Veröffentlichungen und weltweite Touren. Zudem zahlreiche Kompositionen für Theater, Kino- und Fernsehfilme. Amdadeus - Preisträger 2007 für ‚beste Band‘ ausgezeichnet , 2015 mit dem Preis  der österreichischen Filmakademie für die beste heimische Filmmusik. Lebt und arbeitet in Klagenfurt und Wien, Vater zweiter Kinder!

Werner Sattlegger: Eine gemeinsam verbrachte Schulzeit war der Anfang, danach haben wir uns über 25 Jahren nicht mehr gesehen. Ich ging in die Wirtschaft, Du hast schon damals mit dem Gitarrenspielen angefangen, bist erfolgreich dabei geblieben. In der Wirtschaft und Management reden wir oft über Erfolg, klammern Krisen aus, obwohl es die dauernd gibt. Wie ist es eigenlich in der Kunst, gibt es Krisen auch im künstlerischen Schaffensprozess ?

Oliver Welter: Darüber habe ich viel nachgedacht. In mir selbst, mit und in anderen. Und ich hab recherchiert. Nach all dem vielen Nachdenken, nach all den Recherchen,
nach all den vielen Jahren des eigenen künstlerischen Schaffens und eigener
vermeintlicher Blockaden im Tun, gelange ich immer mehr zu der Überlegung, bzw. zur Einsicht, dass es eine sogenannte Schaffensblockade oder Krise gar nicht gibt, dass diese, wenn überhaupt, bestenfalls hausgemacht ist.

Werner Sattlegger: Es gibt also keine Krisen in der Kunst ?

Oliver Welter: Kein Kind hat je von einer Schaffenskrise gesprochen. Kinder haben entweder Lust zum kreativen Schöpfen, das sie nicht einmal so zu benennen wissen, oder sie haben eben keine und lassen es dann auch. Dem Erwachsenen geht es im Grunde ähnlich, nur sucht er in diversen Ausflüchten sein Heil. Der kreativ Schaffende ist zumeist voll mit Ideen, voll mit Möglichkeiten des Ausdrucks. Eine vermeintliche Schaffensblockade - vermeintlich deshalb, weil es den Begriff so gar nicht geben dürfte - ist, ich zitiere den deutschen Autor Max Goldt, eher ‚eine Angststörung‘.

Werner Sattlegger: Es ist also nur die eigene Angst, die einen blockiert ? Erlebst du es so in Deinem Schaffen ?

Oliver Welter: Ja, der vermeintlich Blockierte hat im Grunde lediglich Angst vor einem möglichen Scheitern . So erlebe ich es ! Darüber hinaus auch noch die Angst, dass sich die ganzen kommenden Mühen, die ganze Plackerei am Ende des Tages gar nicht lohnen könnte. ( in der allgemeinen öffentlichen Rezeption und/oder am Bankkonto ).

Werner Sattlegger: Wie gehst Du ganz persönlich mit diesen Blockaden um?

Oliver Welter: Gegen eine eigene Schaffensblockade anzugehen, heißt gegen seine eigenen Versagensängste zu kämpfen, gegen den Widerstand von außen zu bestehen, gegen notorische Schlechtmacher und Schlechtredner vorzugehen, heißt Stärke zu beweisen und ein mögliches Scheitern nicht als Niederlage, sondern als Chance und Möglichkeit zu betrachten.

Werner Sattlegger: Wo befindet sich diese Blockade ? Kann man diese lokalisieren ?

Oliver Welter: Die Blockade bin ich selber, ist der Feind in mir. Er wächst, in dem ich ihn mit noch mehr Ängsten füttere und er verschwindet, wenn ich meine Ängste ablege und als frei schaffender und frei fühlender Mensch agiere.

Werner Sattlegger: Was sind Deine Erfahrungen dabei, wie kommst Du ganz persönlich aus diesen Krisen wieder heraus ?

Oliver Welter: Aber obwohl ich um diese Phänomene der Schaffensblockaden und seiner Ursachen Bescheid seit Jahrzehnten Bescheid weiß, entkomme auch ich dem Ganzen nicht, noch habe ich ein Patentrezept, das mir oder einer anderen Person mit ähnlicher Problematik dabei ausreichend dienlich sei könnte. Das einzige, das mir während dieser ‚Krisen‘ zu helfen vermag, ist die Konzentration auf ganz andere Dinge oder eine bewusst gewählte, weit reichende Form der ‚Ablenkung‘ vom eigenen Tun und damit dem eigenen Dilemma.

Werner Sattlegger: Wie machst Du das konkret ?

Oliver Welter: Lange, absichtslose Spaziergänge etwa, die Literatur oder Spielen mit Kindern mögen für viele nicht die gewünschte Wirkung haben, für mich persönlich aber können die angeführten Tätigkeiten Wunder bewirken und meine Ängste zwar nicht vollständig beseitigen, aber ein gutes Stück weit in den Hintergrund drängen.

Welche Tätigkeiten hierbei für den einzelnen die passenden sind, dies heißt es persönlich herauszufinden. Darüber hinaus mag am Montag die eine Ablenkung passen, am Dienstag aber eine andere. Hierbei gibt es keine Regeln.

Lieber Oliver, vielen herzlichen Dank für das Gespräch !

Tip:  Onlineprogramm"Jeder Mensch ist ein Künstler" mit Oliver Welter und Werner Sattlegger, Details hier

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