Silicon Valley Mindset um Neues zu schaffen

Seit einigen Tagen erleben wir im Silicon Valley wieder, wie sich die Wirtschafts- bzw. Arbeitswelt radikal verändert. Automatisierte Abläufe werden digitalisiert, Angst vor Jobverlust geht um, gleichzeitig entstehen unzählige neue Geschäftsmodelle und Möglichkeiten. Um in Zukunft diese Möglichkeiten zu nutzen und erfolgreich zu bleiben, müssen bisherige Konzepte über Bord geworfen werden.

Nur wer mit Offenheit und Mut verrückte Ideen zulässt, bereit ist zu scheitern, Begeisterungsfähigkeit fördert und als Organisation die eigenen Mauern niederreißt, schafft Raum für das Neue.

Struktur beeinflusst Verhalten, Verhalten beeinflusst Struktur

Aus der Sozialpsychologie weiss man, dass Struktur Verhalten beeinflusst und vice versa. Wollen wir die Unternehmenskultur ändern, müssen wir Strukturen und Hierarchien ändern. Neue Ideen brauchen freie Räume, offene und flexible Strukturen, flache Hierarchien, Möglichkeiten für zufällige Begegnungen, Eigenverantwortung und Neugier bzw. Interesse an anderen.

Dies kann aber nur gelingen, wenn der äußeren Strukturanpassung auch eine innere persönliche Haltung folgt, die da lautet: ich bin neugierig und interessiert an anderen Ideen, ich bin bereit von meinem Wissen und meinen Erfahrungen etwas preis zu geben oder bin mutig genug, alte Konzepte loszulassen und Risiken einzugehen.

Was fehlt bei uns in Europa?

In hektischer Betriebsamkeit werden in Europa Co-Workingspaces oder Innovationszentren gegründet. Oder Konzerne beteiligen sich an Start Up's im Silicon Valley oder mieten sich einen Arbeitstisch in diversen Hubs, um technologische Entwicklungen nicht zu verschlafen. Alles wichtig und richtig, aber wenn nicht die innere Einstellung der Mitarbeiter folgt, bleiben viele Co-Workingspaces reine Immobilien. In Europa schielen noch zu viele neidisch auf andere und horten ihre Erfahrungen, ohne eine echten Bereitschaft zu haben um zu kooperieren.

Kreativität und Innovation lebt noch immer von den Menschen, denen man in Organisationen die Möglichkeit  geben muss, sich zu entfalten und zu kooperieren. Sich für das Neue öffnen, hungrig und ein wenig verrückt bleiben, sind Fragen der individuellen Persönlichkeit und der Unternehmenskultur, erst dann kommt die Technik. "Culture eats strategy for breakfast" hat schon der Managementguru Peter Drucker festgestellt, das gilt gerade jetzt mehr denn je.

Das Silicon Valley Mindset

Unternehmer im Silicon Valley kommen sofort ins Tun und probieren aus - bei uns “kläglich Scheitern” genannt. Von der Idee zum ersten Prototyp dauert es oft nicht länger als 6 Wochen bis der Kunde das Produkt testen kann. Es wird permanent Feedback eingeholt, das Produkt angepasst und oft auch das gesamte Geschäftsmodell geändert - "pivoten" genannt. "Pivot" ist der Drehpunkt, die ursprüngliche Idee wird gedreht, gleichzeitig Altes losgelassen. Immer geht es um das rasche Scheitern und das schnelle Lernen.

Oft und früh scheitern, prototypen und rasch handeln, groß denken, dran bleiben und seiner Leidenschaft folgen: das sind die Zutaten der erfolgreichen Unternehmen an der Westküste.  Wir brauchen uns in Europa überhaupt nicht zu verstecken. Im Gegenteil, wir haben ein hohes Bildungsniveau, TOP qualifizierte Techniker, ein stabiles Umfeld - aber eben nicht dieses Mindset, das wie eine DNA bei jeder Begegnung im Silicon Valley spürbar wird.

Den Beat, seinen Rhythmus finden, sein eigenes Ding in die Welt zu setzen – genau dies spürt man bei vielen Start Ups im Silicon Valley. Wie dieser Hunger und diese Leidenschaft auch bei großen Unternehmen gelebt werden kann, darum geht es hier.

Wie schaut dieser Hunger in der Praxis aus?  Felsenfeste Überzeugung, Beharrlichkeit und Disziplin, eine Portion Verrücktheit Dinge in Frage zu stellen und Leidenschaft sind die Merkmale, die man bei Start Ups oft findet. Bereit sein zu kämpfen, Widerspruch auszuhalten, sich für seine Ideen einzusetzen und dran bleiben. Genau da schwingt hier der Spirit der Beat und Hippie Generation mit, auch wenn der Alltag konform und angepasst wirkt.

Wenn dann noch Universitäten wie Stanford und Berkeley smarte Leute aus der ganzen Welt anziehen, unendlich Risikokapital verfügbar ist und es fast keine gesetzlichen Einschränkungen gibt, ist dies der Boden für viele erfolgreiche Unternehmen.

Start Up Kultur

Start Ups haben nicht viel Zeit, es mangelt an Ressourcen, entweder an Geld oder Mitarbeiter. Am Anfang ist alles mit Leidenschaft auf die Idee ausgerichtet, es gibt keine Prozesse oder Hierarchien. Da Start Ups nicht viel Zeit haben, müssen sie schnell sein. Sie können es sich nicht leisten, ewig Ideen zu entwickeln. Von der Idee zum Prototyp, entwickelt gemeinsam mit den Kunden, vergehen oft nur ein paar Wochen. Dafür müssen sie oft die Gründungsidee „pivoten“ (drehen), bereit sein die Idee in eine andere Richtung zu drehen. Und alle machen eine Erfahrung: Viele Schwierigkeiten warten, es ist hart sein Ding zu machen.

Tipping Point der Unternehmenskultur

Erfolgreiche Unternehmen wissen, dass mit dem Wachstum die Geschwindigkeit sinkt und alles getan werden muss, um schnell zu bleiben. Niemand kann es sich hier leisten, stehen zu bleiben und sich auf dem bisherigen Erfolg auszuruhen.

Wenn Start Ups schnell wachsen – und das kann hier sehr rasch gehen –  gibt es einen Punkt, wo das Unternehmen Hierarchien, Prozesse, etc. einführen muss.  Das ist oft der Punkt, wo sich die mit Leidenschaft gefüllte Start Up Unternehmenskultur wandeln kann. Das ist für schnell wachsende Unternehmen eine der größten Herausforderungen, durch Bürokratien die Leidenschaft nicht zu verlieren.

Stay hungry. Stay foolish – kann es in großen Unternehmen gelebt werden?

Wenn ein Unternehmen größer wird, scheinen Mitarbeiter und Führungskräfte oft ihre Energien auf andere Schwerpunkte zu setzen: Politik, Absicherung der eigenen Positionen, Geschäftigkeit, Verkauf der eigenen Leistungen und das Knüpfen von nützlichen Seilschaften. Erfolgreiche Unternehmen versuchen diesen Entwicklungen wenig Raum zu geben. Agile Managementmethoden fokussieren sich auf Schnelligkeit, Performance und Eigenverantwortung, wo keine Zeit für Spielereien bleibt.

Büroräumlichkeiten sind oft so gestaltet, dass der Austausch ohne hierarchische Schranken möglich ist. Einzelbüros sind kollektiv abgeschafft, sogar für den CEO. Es gehört hier schon zum guten Ton, das Beste für die Mitarbeiter zu tun.

Erfolgreiche Unternehmen konkurrieren um die besten Köpfe weltweit, versuchen sich bei den Angeboten der Rahmenbedingungen gegenseitig zu überholen. Oft ähneln die Unternehmen einer Ferienanlage, mit  Fitnesscenters, Bowlingbahnen, Saftbars und bei manchen Unternehmen gibt sogar beste Kulinarik zum Nulltarif.

Aber die Expertise der Mitarbeiter alleine ist oft zu wenig, wenn die Unternehmenskultur nicht stimmig ist. Daher wird bei  der Personalauswahl großen Wert auf den sog. „cultural fit“  gelegt. Bis zu 6 verschiedene Interviewpartner überprüfen, ob ein Kandidat zur Unternehmenskultur passt.

Eine andere Möglichkeit für etablierte Unternehmen ist die Kooperation mit Start Ups, um den Unternehmergeist lebendig zu halten und die Technologieentwicklung zu beschleunigen.  Oder sie holen sich junge, hungrige Führungskräfte mit einer Start Up Kultur in das Unternehmen in Schlüsselpositionen.

Der wichtigste Punkt bleibt aber die Führungskraft. Eine lebendige und leidenschaftliche Unternehmenskultur, wo Kreativität und Innovation gelebt wird, kann weder an ein Projekt oder an einen Berater delegiert, noch zugekauft werden. Sie steht und fällt mit der Persönlichkeit an der Unternehmensspitze, mit dessen Visionskraft, Authentizität und Glaubwürdigkeit. 

Keep following your  Beat

Das Leben hier ist sehr teuer, für manche Start Up Unternehmer wird das Leben hier  zu einem Konkurrenzkampf. Verbissenheit und Stress sind oft die Folge. Ebenso bleiben viele große etablierte Unternehmen hinter der Oberfläche von agilen Managementmethoden in Bürokratie und interner Politik stecken. Dadurch fehlt oft die Leichtigkeit und Verrücktheit, wofür San Francisco immer berühmt war. 

Dabei gäbe es keinen besseren Ort seinen Beat zu folgen, sein Ding zu tun, auch wenn diese verrückt erscheinen. Dass hat uns schon der bekannteste Hippie und Nerd, Steve Jobs, mitgegeben: Stay Hungry. Stay foolish. 

Autor: Mag. Werner Sattlegger, Founder und Director Art of Life

Die nächste Silicon Valley Learning Journey findet im Mai 2020 statt

 

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