“Der größte Feind des Fortschritts ist nicht Irrtum,

sondern Trägheit” (Thomas Buckle)

Warum wurden in den letzten Jahrzehnten die erfolgreichsten Unternehmen der Welt nicht in Europa, sondern im Silicon Valley gegründet ? Ignoranz und träger Widerstand sind in der Digitalisierung oft Alltag, was können aber Unternehmen und engagierte Mitarbeiter gerade jetzt konkret tun ?

In den letzten Wochen sind wir im Tal am anderen Ende der Welt diesen Fragen nachgegangen und haben staunend gelernt, in welcher Geschwindigkeit dort Produkte und Dienstleistungen entstehen. Transportunternehmen, Banken oder Manufakturen werden in Europa durch 3 D Printer, Fin Techs oder selbstfahrende LKWs in ihrer Existenz bedroht. Viele der heute noch erfolgreichen Unternehmen wird es in Zukunft nicht mehr geben. Wie bei Kodak oder Nokia (beide Unternehmen haben den Wandel zu spät erkannt und sind abgestürzt) reagieren viele Unternehmen mit Ignoranz, Bequemlichkeit und Überheblichkeit. Trägheit und Mittelmäßigkeit sind oft die Norm geworden, der Erfolg der letzten Jahre hat viele verwöhnt.

Was können wir in Europa aber konkret tun?

In den letzten Jahrzehnten waren Organisationen oft einem planbaren, sicheren und stabilen Marktumfeld angepasst. Meistens als Pyramide in Hierarchieebenen organisiert, um Kontrolle und Planung zu sichern. Gerade in größeren Organisationen hat dies Raum für Seilschaften und politische Spiele geschaffen. Karriere machen dort oft nur Jasager und Wichtigtuer, die Konformisten und Opportunisten. Widerspruch und Konflikt werden aber vermieden, der gerade für den Fortschritt notwendig wäre. Möglich war dies, weil wir in Europa Nischenweltmeister sind, viele Industrien stellen Produkte her, welche jemand irgendwo in der Welt unbedingt braucht. Aufträge kommen meistens einfach rein, mehr als man abarbeiten kann. Das operative Geschäft kann nicht warten, strategische Überlegungen, wie ich Ineffizienzen verhindere oder neue Geschäftsmodelle entwickle, haben keinen Raum. China und die Digitalisierung üben Druck aus, aber noch geht es vielen zu gut. Das kann sich aber rasch ändern, vor allem wenn nun die Rezession kommt.

Der entscheidende Faktor für den Erfolg von Morgen wird sein, wie eine Unternehmenskultur entwickelt werden kann, die echtes Lernen möglich macht. Dies kann aus meiner Erfahrung in folgenden 7 Schritten möglich werden:

7 Schritte für den Erfolg in Zeiten der Digitalisierung

  1. Verhalten folgt Struktur und vice versa

Flache Hierarchie und kleine Teams: selbstorganisierende Teamgrößen von 3 – 9 MitarbeiterInnen, wo in kurzen „Sprints“ (1 – 2 Wochen) nur Ergebnisse ohne Pseudoinnovationen zählen. Nach jedem Sprint werden keine „ Schuldigen gefunden“, sondern konkrete Maßnahmen für die Prozessverbesserung vereinbart. Daily Stand Ups garantieren täglich, dass man auf der Spur bleibt.

2. Kollaboration und Transparenz

Allen ist bewusst, dass Planung nur in einem gewissen Rahmen möglich ist. Kein Aufwand für falsche Planungen, sondern radikale Transparenz, damit alle über alles Bescheid wissen. Visualisierung hilft Arbeit sichtbar zu machen. “Silos “müssen radikal abgebaut, nicht via open spaces sondern vor allem im mindset. “Pay it forward” kennt man bei uns in Europa nicht, es bedeutet - ich gebe erst einmal von mir. In Europa sitzen wir gerne auf seinem Hühnerhaufen und haben Angst, dass ein anderer etwas wegnimmt.

3. Führungskraft

Ist nicht dazu da, Aufgaben zu verteilen und zu kontrollieren. Führungskraft ist für die großen Leitlinien da, es kommuniziert und räumt für die Teams Widerstände für effizientes und produktives Arbeiten aus dem Weg . Führungskraft ist ein Coach, der durch seine Persönlichkeit eine Kultur entwickelt, wo Raum ist für Widerspruch, Offenheit, Transparenz und Eigenverantwortung entstehen kann.

4. “Richtige” MitarbeiterInnen einstellen

Fachqualifikation ist zweitrangig, was zählt sind Adaptionsfähigkeit und Agilität, also die Fähigkeit, hungrig zu bleiben, lernen zu wollen. Gefragt sind Mut und Konfliktfähig - vor allem aber Hunger und Neugier, etwas verändern und beitragen zu wollen.

5. Agilität

Dies ist  keine neue Managementmethode, um erfolgreicher im Team zu werden. Es ist eine Haltung, wie ich als Führungskraft und MitarbeiterInnen in der Welt sein möchte. Mit Scheinaktivitäten oder in lebendiger und echter Beziehung zu den MitarbeiterInnen, mit Schönfärberei oder in Offenheit und Risikobereitschaft, mit Angst bzw. Geschäftigkeit oder in der Bereitschaft zu scheitern, damit zu wachsen und erfolgreich zu bleiben.

6. Neue Produkte und Dienstleistungen

Unternehmer im Silicon Valley kommen sofort ins Tun und probieren aus - bei uns “kläglich Scheitern” genannt. Von der Idee zum ersten Prototyp dauert es oft nicht länger als 6 Wochen bis der Kunde das Produkt testen kann (MVP - Minimal Viable Product). Es wird permanent Feedback eingeholt, das Produkt angepasst und oft auch das gesamte Geschäftsmodell geändert - "pivoten" genannt. "Pivot" ist der Drehpunkt, die ursprüngliche Idee wird gedreht, gleichzeitig Altes losgelassen. Rasche Scheitern ermöglicht schnelles Lernen.

7. Neue Geschäftsmodelle

Die mittelständische Industrie muss sich neue Geschäftsmodelle überlegen, B2B Plattformen greifen bestehende Wertschöpfungsketten an. Salestrategien, Workflows oder Organisationsstrukturen müssen angepasst werden, alles beginnt aber beim Mindset.

Wir brauchen uns in Europa überhaupt nicht zu verstecken. Im Gegenteil, wir haben ein hohes Bildungsniveau, TOP qualifizierte Techniker, ein stabiles Umfeld - aber eben nicht dieses Mindset, das wie eine DNA bei jeder Begegnung im Silicon Valley spürbar wird. Wenn wir uns in Österreich auf dieses Mindset einstimmen können, dann ist auch hier alles möglich.

Autor: Mag. Werner Sattlegger, Founder und Director Art of Life, lebt und arbeitet in Klagenfurt und San Franciscos

Tips:

Wenn Sie lernen wollen wie sie dies konkret umsetzen können, dann gerne bei unserer nächsten Silicon Valley Learning Journeys 2020.

Literatur:

Christoph Keese, “Was aus dem anderen Tal der Erde auf uns zukommt” (2016)

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Self Driving Truck

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